morgen Kinder …

Das Foto zeigt ein Plakat der Aktion vom Projekthaus in Altona, gestaltet von dem Künstler Lukas Julius Keijser

… wird’s was geben. Nächste Woche dürfen wir bei Grell, einem der Bio-Großhändler hier im Norden (Kaltenkirchen) vorsprechen. Wir haben ihnen bereits unsere Vorstellung von Großhändler-Einkaufspreisen und Verpackungseinheiten geschickt. Jetzt sind wir gespannt, wie wohl ein solches Verhandlungsgespräch in der Lebensmittelbranche verlaufen wird. Rado und ich sind ja nicht aus der Branche. Wir sind also von Grell abhängig, zu erfahren, wie solche Produkte normalerweise kalkuliert werden. Ich meine, wieviel Prozent nimmt ein Großhändler dafür, dass er Dein Produkt für Dich mehrmals in der Woche durch den ganzen Norden fährt, um es in den Einzelhandel zu bringen? Das ist Arbeit, keine Frage und die soll auch bezahlt werden, aber was ist da so üblich? Nun denn, wir werden es herausbekommen.

Wir wissen jetzt aber endlich, wie lange Samt, Schmauch und Nett haltbar sind! Das Lebensmittelinstitut hat uns seinen Bericht geschickt. Ganze 4 Wochen sind die drei mindestens haltbar und ganze 6 Wochen mein Liebling Schnucki. Wir sind sehr glücklich, dass wir uns treu geblieben sind und uns treu bleiben können. Ja, wir haben viel hin-und-her-überlegt, ob wir es mit unseren frischen Aufstrichen überhaupt schaffen können, sie im heiß umkämpften Markt zu platzieren, wenn wir es nicht wie die anderen machen. Die anderen bekommen ihre Aufstriche so mega lange haltbar, weil sie sie sterilisieren (länger bei >121°C kochen). Wir haben es natürlich ausprobiert, denn es ist viel leichter mit sterilisierten Produkten zu handeln. Sterilisiertes muss nicht mehr gekühlt werden, ist bis in die Puppen haltbar und der Einzelhandel riskiert nicht, dass es ihm schlecht wird und er darauf sitzenbleibt.

Wir haben es probiert und Schnucki, Samt, Schmauch und Nett sterilisiert, aber dann schmecken sie nicht mehr so lecker frisch sondern genauso wie die, die man kennt. Jetzt aber haben wir die Belohnung für Das-wir-an-uns-geglaubt-haben.

Lachen mussten wir, als wir den Bericht vom Institut zu unseren Etiketten durchlasen. Das Institut hatte für das viele Geld, das eine solche Prüfung kostet, sehr gewissenhaft geprüft. „Die Bezeichnung des Lebensmittel fehlt bei allen vier geprüften Etiketten. „Aufstrich“ oder „Dipp“ sind als Bezeichnung nicht ausreichend. (…) Eine mögliche beschreibende Bezeichnung wäre z.B. „Brotaufstrich (oder Dipp) auf Basis von …“ Das verstehe ich nicht. Wenn ein Gläschen mit der Bezeichnung Aufstrich im Kühlregal neben anderen Lebensmitteln steht, dann ist es doch klar, das man den Aufstrich auf ein Brot schmiert, oder nicht?! Aufstrich fürs Gesicht steht woanders im Laden und dann heißt es doch Creme oder Kosmetik.

(…) „Auf den vorliegenden Etiketten erschwert die Verwendung von kleinen und großen Buchstaben in einem Wort deutlich die Lesbarkeit. Die Verwendung dieser gemischten Schriftweise für die Bezeichnung eines Lebensmittel ist kritisch zu prüfen.“ Auch schön, jetzt kann ich meine damaligen Kunden verstehen, wenn sie sich ganz mutig fühlten, sich für die freche Unterzeile in Kleinbuchstaben in ihrem Logo zu entscheiden. Unser Wunsch war es, und den haben wir wohl überlegt, etwas humorvoller an die Sache zu gehen. Eben nicht bierernst, wie es alle anderen in der Lebensmittelbranche machen. Wir wollten frisch und frech daherkommen, anders und ungelernt. Wir wollen ja gerade verwirren und zum Denken anregen.

„Die Verwendung von Tierzeichnungen auf veganen Produkten sollte ebenfalls kritisch geprüft werden. Möglicherweise verbindet der Verbraucher mit diesen bildlichen Darstellungen ein Lebensmittel, das Zutaten der entsprechenden Tierart enthält. Auch die Darstellung eines „geschmückten Frauenbeines“ steht in keinem Zusammenhang mit der Zusammensetzung oder der Verwendung des enthaltenen Lebensmittels. Vielmehr wird der Blick des Verbrauchers auf diese Zeichnung gelenkt und wichtige Informationen für den Verbraucher treten in den Hintergrund. Möglicherweise wird die Kaufentscheidung durch die bildliche Darstellung beeinflusst.“ Oh ja, das haben wir bei unserer Akquisetour gelernt. Es gibt zwei Arten von Menschen: Die, die es nicht verstehen, dass Bilder von Tieren oder Frauenbeinen auf einem Lebensmittel sind und die, die sich gefreut haben, dass die Gestaltung mal frisch und frech daherkommt. Die lachen und nicht gleich sagen, dass das Frauenbein aber sexistisch sei.

Hier haben Rado und ich auch schon überlegt, das das nächste Produkt das kommt, mit einer behaarten Männerbrust verziert wird. Dann ist es wieder gleichberechtigt und verwirrt oder erfreut den Verbraucher auf ganzer Linie.

Aber jetzt mal ganz ehrlich. Im tiefsten Herzen wollen auch wir alles richtig machen und ich habe schon etwas schlecht geschlafen mit dem Wissen um den Bericht vom Lebensmittel-Institut in meinem Kopf. Es brauchte ganze drei Tage, bis ich mich wieder berappelt hatte. Ja, wir wollen etwas anders machen, wir wollen auch polarisieren und nicht unbedingt von der Masse geliebt werden. Es ist uns recht, wenn wir nur von wenigen verstanden werden, dann aber mit voller Freude und Herzenslust. Das war unser Ziel und das hat der Bericht eigentlich ja auch bestätigt; nämlich dass es uns gelungen ist.

Und ja, wir werden den einen oder anderen Menschen verprellen, weil wir es ihm nicht recht machen. Aber dann ist er eben ein Mensch, der kein Produkt probieren mag, auf dem eine Ziege ist, die ihm zublinzelt und ihm einen Kuss schenkt. Es ist wie im echten Leben, da gefällt man auch nicht jedem, wenn man sich für etwas ausspricht. Sobald ich mich bekenne, Farbe zeige oder meine Friedensflagge hisse, falle ich aus der breiten Masse heraus und werde gesehen. Und dann gibt es welche, die meine Farbe mögen und eben auch die, die die Farbe nicht leiden können.

Wir wollen uns treu bleiben – echt, ehrlich, elementar sein. Wir wollen ein Durch-und-durch-frisches-Produkt in den Markt bringen, das belebt!

Die positive Telefon-Rückruf-Akquise kam da gerade recht. Fast alle Bioladen-InhaberInnen, bei denen wir waren, hatte ich die letzte Woche noch einmal angerufen, um zu horchen, wie es ihnen gemundet hat. Sie waren voller Freude und wollen unbedingt bestellen. Danke, ihr liebe mitmutigen Leute, ihr gebt uns Kraft die Normalität zu durchbrechen. Danke!

Next Steps? Der große Großhändler muss „ja, ich will!“ sagen und dann könnte es glatt nach den Sommerferien was werden.
Wir sind guter Dinge!

p.s. Das Foto zeigt ein Plakat der Aktion vom Projekthaus in Altona, gestaltet von dem Künstler Lukas Julius Keijser.

4 thoughts on “morgen Kinder …

  1. Bei der Haltbarkeit muss ich leider widersprechen…

    Selbst das Große Glas Schmauch hat bei Rationierung in einer sechsköpfigen Familie gerade mal eine Woche gehalten – dann war es alle.

    Ich glaube für vier bis sechs Wochen brauchts schon ein Einmachglas :-))

    Die sechs Norderstedter

    • Liebe sechs Norderstedter,
      sehr schön, Ziele helfen mir in Bewegung zu bleiben und wer weiß, wann auch das große Glas auf den Markt darf.
      Jetzt muss es erst einmal dem Kleinen weichen, aber wenn die Nachfrage so weiter wächst, dann …
      … gibt es vielleicht auch irgendwann 500g-Gläser.

      Danke und gute Nacht Euch,
      Agapi

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